• Anja

Lockdowngeschichten


11. März bis 28. April

2 Monate

7 Wochen

49 Tage

1176 Stunden

70560 Minuten

4233600 Sekunden

Das war unser Lockdown.


Ab dem 28. April gab es die ersten Lockerungen: 1 Person pro Hauhalt darf zu Fuß 1x am Tag für 3 Stunden das Wohngebiet verlassen um Lebensmittel, welche begrenzt und auf Zuteilung verkauft werden, zu kaufen, in maximaler Entfernung von 2km…..

Wir sind aber selbst die ersten Tage noch zu Hause geblieben, da es hieß, man bräuchte für diese "Ausflüge" einen Pass (und den hatten wir nicht). Außerdem gab es vor den Supermärkten Endlosschlangen und da wollten wir uns beim besten Willen nicht anstellen.


Am 3. Mai haben wir uns das erste Mal wieder ins Auto gesetzt und sind ganz vorsichtig auf unsere Wohngebietsausfahrt zugefahren. (Einen Tag zuvor haben wir beobachten können, dass Chinesen zu zweit im Auto durch das Gate fahren)..... und geschafft!

Wir sind wieder frei!

Dürfen wir gehen wohin wir wollen? – nein

Dürfen wir die Stadt verlassen? – nein

Dürfen wir in Urlaub fliegen? – nein

Dürfen wir nach Hause fliegen, ohne danach für mind. 4 Wochen in Quarantäne gehen zu müssen? –nein.

Aber hey, wir dürfen zumindest unser Wohngebiet verlassen!!


Und das tun wir nun auch jedes Wochenende. Allerdings müssen wir PCR-Test-technisch immer up-to-date sein, älter als 48 Stunden darf der letzte Test nicht her sein. Daher wird bei uns im Compound auch noch jeden Tag fleißig getestet.

Noch sind alle Restaurants geschlossen. Man kann sich aber sein Essen bestellen und an den Compoundeingang liefern lassen oder aber auch direkt vom Lieblingsrestaurant abholen.

Die Supermärkte haben wieder geöffnet und auch einige dieser riesigen Einkaufzentren kann man schon wieder besuchen, wenn man denn möchte.

Öffentliche Parks, also solche, wo man Eintritt zahlen muss oder es Fressbuden gibt, haben noch geschlossen, frei Zugängliche sind nicht mehr abgesperrt.


Inzwischen hat auch unsere Poststation wieder geöffnet, wir können also wieder fleißig bei Taobao bestellen. Vor allem Denny nutzt das jetzt ausgiebig, da er sein Fahrrad reparieren möchte und wir hier in Changchun nicht wissen, wo man für so spezielle Dinge die Ersatzteile herbekommt.


Da ja die Supermärkte wieder geöffnet sind, können wir wieder einkaufen gehen und die Sachen essen, die wir mögen und nicht nur das, was uns vorgestzt wird.

Die eine Frischfleischbestellung im Lockdown war schon echt nicht sehr appetitlich anzusehen:


Noch während alle Menschen in ihren Häusern/ Wohnungen/ Compounds bleiben mussten, gab es ein paar Leute, welche eine Erlaubnis hatten, sich außerhalb aufzuhalten und natürlich Auto zu fahren. Denny und ich stecken unsere Nasen durch den Zaun und zählen pro Spaziergang maximal 5 Autos. Trotzdem haben es Autofahrer geschafft ihre Autos zu Klump zu fahren. Noch bevor die Menschen das Compound zum 3-stündigen Einkaufen verlassen dürften (28.04.), stand am Eingang ein kaputtes Auto. Gestern wurde es endlich weggeräumt...


Die Frage, wie man es schafft, wenn es nur 5 Autos in der Stadt gibt, sein Auto in einer Auffahrt zum Compound (hier ist langsam fahren angesagt) in ein zweites Auto zu fahren und so zu zerstören, dass es nicht mehr gefahren werden kann, drängt sich da förmlich auf .... eine Antwort habe ich darauf aber nicht.


Noch (11.05) dürfen wir die Stadt nicht verlassen. Denny scharrt schon mit den Hufen, das Wetter ist warm und es bläst, wir wollen zum Kitesee (der liegt aber außerhalb von Changchun).

Als Tipp haben wir von einem Changchuner Kiter einen Standort geschickt bekommen, wor man ggf. innerhalb der Stadtgrenze kiten gehen darf.

Nach der Arbeit sind Denny und ich los um das auszukundschaften.

Endlich endlich wieder weit gucken! Was für eine Wohltat für die Augen.

Und kiten kann man hier auch.

Mit der Drohne haben wir nachgesehen, ob nicht vielleicht doch noch Gerümpel im Wasser liegt, außer den Reusen:

Was auf dem Video nicht so gut zu sehen ist, der Fluss liegt zwischen ganz vielen Reisfeldern.


Auf dem Rückweg nach Hause hatten wir dann ein wenig Pech:

Erst bekommen wir von unserem Auto die Meldung das der Reifendruck nicht stimmt und keine Minute später fahrt das Auto nur noch sehr holprig. Für uns als Maschinenbauer und ehemals Sixtmitarbeiterin ist das aber kein Problem, ran an die Seite, Werkzeug raus und Reifen gewechselt. Keine 10 Minuten später sind wir wieder auf den Weg nach Hause. Ist nämlich schon spät, dunkel und wir haben Abendbrotshunger.

Der Hunger drückt das Gaspedal und es kommt wie es kommen muss:

Die Straße ist eine einzige Katastrophe: Schlaglöcher, wo sich ein Kleinkind drin verstecken könnte... Ausweichen mit Hunger im Bauch ist da nicht mehr, man möchte nur noch nach Hause.

Hier das Resultat:

Nun hat's uns auch das Ersatzrad entschärft und wir stehen am Stadtrand, am Straßenrand und sind mit den Nerven am Ende.

Dennys Kommentar dazu: "kann ich doch nicht wissen, dass der Reifen aus Pappe ist...!"

Taxis fahren noch nicht, aufpumpen geht nicht, weil kaputt, auch das erste Rad ist so zerstört, dass es sich nicht aufpumpen lässt, bzw. wir damit keine 100 Meter mehr weit kommen, Werkstätten haben nicht offen und wir haben Hunger...

Ein paar Anrufe später rettet uns ein Kollege von Denny. Er hat sogar ein Ersatzrad dabei, aber der Abstand der Radmuttern passt leider nicht. Das Auto muss über Nacht stehen bleiben und wir werden vom Heming nach Hause gefahren.


Ich habe im Lockdown fast jede Woche ein Bild von einem Strauch bei unserer Terrasse gemacht. Im Laufe der 7 Wochen ging es von Schnee über Blüte zu Blätter. Inzwischen ist hier Sommer.


Insgesamt haben wir den Lockdown gut überstanden. Wir sind nicht verhungert, hatten keinen wirklich medizinischen Notfall, konnten ausgiebig unsere Terrasse genießen und hatten uns. Wenn das teilweise auch mal schwierig war. So lange aufeinander zu hocken kann anstrengend sein.

Unsere Lockdown-Collage:


Aber nicht allen geht es in solchen Zeiten so gut wie uns. Teilweise erreichen uns aus Shanghai Videos und Berichte, die von merkwürdig über traurig bis erschreckend sind. Unseren Bekannten in Shanghai geht es gut. Aber die "öffentlichen" Social Media Kanäle hier zensieren inswischen die meisten Berichte aus Shanghai.

Nicht nur, dass viele der Chinesen keine richtige Küche haben, so wie wir uns eine Küche vorstellen, sie bestellen auch überwiegend ihr Essen. Das ist günstiger und sie brauchen keine Küche und auch keine Vorräte. (auch wir haben hier bei der Wohnungssuche Wohnungen gesehen, die keine richtige Küche haben)

Zudem ist die Selbstmordrate deutlich gestiegen. Dazu gibt es aber leider keine offizielle Statistik und auch ich habe dies nur durch "Hörensagen" erfahren. Ich kann mir das aber sehr gut vorstellen, dass diese Aussage stimmt.

Dieses Video habe ich schon vor einiger Zeit erhalten, es ist aus Shanghai. Inzwischen geht es dem jungen Mann wieder besser. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber aus der Shanghaier KiteGruppe wurde bestätigt, dass ihm geholfen wurde.


Viele Grüße

Anja & Denny




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