Von China nach Deutschland – und schließlich aufs Wasser
- Anja
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Unser Jahr zwischen Neustart, Chaos und Glück.
Als wir Ende März von China zurück nach Deutschland gezogen sind, war ich innerlich auf alles vorbereitet – auf Papierkram oder verlorene Umzugskisten. Aber erstaunlicherweise lief alles unglaublich glatt. Unser Container wurde schon zu Weihnachten abgeholt, und als wir schließlich im Frühling in Deutschland ankamen, stand er zwar noch nicht vor der Tür, aber fast. Ein Umzug ohne Stress – wer hätte das gedacht?
Was mich deutlich mehr ins Schleudern gebracht hat, war etwas ganz anderes: deutsche Nachrichten. Nach Jahren, in denen Radio für mich nur Hintergrundrauschen in einer Sprache war, die ich nicht wirklich verstand, traf mich das deutsche Radioprogramm oder die Gespräche der Menschen in Bus und Bahn wie ein Schlag. Plötzlich wieder jedes Wort zu verstehen – und dann auch noch fast ausschließlich schlechte Nachrichten. Das hat mich in den ersten Wochen völlig überfordert. Ich wusste, dass die Wiedereingliederung nicht leicht werden würde, aber dass mich ausgerechnet das aus der Bahn werfen würde … damit hatte ich nicht gerechnet.
Und gleich Anfang April ging auch meine neue Arbeit los: neuer Job, neue Kollegen, neue Routinen. Und gleichzeitig: so viel Aufregung. Aber auf die gute Art. Ich mochte mein Team vom ersten Tag an, und ich denke, inzwischen bin ich richtig angekommen. Dieses Gefühl, morgens ins Büro zu kommen oder den Laptop aufzuklappen und sich zu freuen – das ist unbezahlbar. Jedenfalls ist es an den meisten Tagen so ;)
Unser Sommer stand dann ganz im Zeichen der Bootssuche. Schon letztes Jahr hatten wir zwei Katamarane gechartert und seitdem war klar: für uns kommen nur zwei Rümpfe in Frage.
Und so begann unser persönliches Bootscasting:
Wir reisten zusammen nach Griechenland, an verlängerten Wochenenden nach Dänemark, in die Niederlande, nach Frankreich – und Denny gleich zweimal alleine nach Spanien. Wir trafen unglaublich freundliche Bootseigner (wir wären fast schwach geworden, nur wegen der Besitzer!), wir sahen Boote mit Charme, Boote mit Potenzial und Boote mit … sagen wir mal … „Wartungsrückstand“, wobei das noch nett formuliert ist.
Aber nichts davon fühlte sich nach unserem Boot an.
Und dann, als wir dieses eine Boot gefunden hatten, waren wir überglücklich. Endlich schien alles zu passen – Preis, Zustand, Bauchgefühl. Vielleicht waren wir genau deshalb so unvorsichtig. Wir hielten uns eigentlich für clever, achtsam und schwer übers Ohr zu hauen. Und dann, völlig unerwartet wurden wir fast abgezockt:
Jemand hatte sich in unseren E-Mail-Verkehr mit dem französischen Bootsmakler gehackt und versucht, die 10 % Anzahlung von uns abzuziehen. Als wir es erfuhren, traf es uns wie ein Schlag. Wir waren wirklich erschrocken. Und im Nachhinein dachten wir: Eigentlich hätten wir es merken können. Ein kleiner Buchstabendreher in der Absenderadresse, eine winzige Unstimmigkeit im Tonfall – Hinweise gab es, aber wir waren zu sehr im Eifer des Gefechts, zu sehr in der Freude über das vermeintlich gefundene Traumboot, um auf solche Kleinigkeiten zu achten.
Zum Glück wurde der Betrugsversuch beim Vor-Ort-Termin entdeckt, bevor Geld floss. Wir kamen mit heiler Haut davon – gesund an Körper und Konto, aber mit ein paar Schrammen an unserem Menschenvertrauen.
Danach hatten wir erst einmal genug. Von Bootssuche, von Maklern, von Kommunikation und überhaupt. Wir brauchten eine Pause.
Also kauften wir kurzerhand einen Camper. Wenn wir schon kein Boot finden, dann fahren wir eben mit vier Rädern ans Meer. Und ganz ehrlich: wir hatten nicht mal unsere neuen Kennzeichen angeschraubt, da passierte es:
Ein Boot tauchte in unserer Suchanfrage auf. Und zwar das Boot. Liebe auf den ersten Blick. Perfekt für uns – bis auf den kleinen, feinen Haken: weit über Budget.
Aber Denny wäre nicht Denny, wenn er nicht die Eigner um den Finger wickeln könnte. Also begann er zu verhandeln – hart, konsequent und charmant wie immer. Und wir hatten einen Vorteil: Die Eigner wollten asap verkaufen, und wir wollten asap kaufen.
Also packten wir jeder eine Tasche, mit der Hoffnung im Bauch, dass es unser Boot werden würde, ging es zum Flughafen.
Es folgten ein paar Tage gefüllt mit Gutachten, Auskranen, Gesprächen und kleinerer Nachverhandlungen. Es war intensiv, nervenaufreibend, anstrengend – und am Ende konnten wir unser neues schwimmendes Zuhause entern.

Wir stehen jetzt am Anfang eines neuen Abenteuers. Nach einem Jahr voller Umbrüche, Überraschungen und Unwägbarkeiten haben wir am Ende doch gefunden, wonach wir so lange gesucht haben. Und irgendwie fühlt sich alles so an, als hätte es genau so kommen müssen.
In der nächsten Zeit werden wir viel zu tun haben, der eine Motor braucht Liebe, der Dinghi-Motor auch, die Solaranlage soll aufgerüstet werden, damit wir weitestgehend autark sind und wir haben zwar diesmal keinen Container auf den Weg geschickt, aber 2 Europaletten. Und die müssen auch erstmal hier ankommen und verräumt werden.
Wir sind voller Vorfreude – und gleichzeitig wissen wird, dass selten alles glattläuft. Der nächste Blogbeitrag ist schon in Arbeit und wird von (Boots-)Pleiten, Pech und Pannen erzählen.
Liebe Grüße
Anja



Ja, wer in Potsdam auffallen möchte, müsste freundlich sein :-) Ich finde den Text sehr dezent geschrieben, im Vergleich zu den Dingen, die ich am Rande miterleben durfte. Ich meine, das braucht in Wirklichkeit Nerven wie Drahtseile.. Großen Respekt Euch Beiden und viel Freude weiterhin!
Es macht einfach Spaß, euren Weg mitzuerleben. Die Höhen und Tiefen und jetzt auf dem Wasser, im Mittelmeer....grandios. Ich freue mich so für euch, dass sich doch alles zum Guten wendet, auch wenn sich eine deutsche Bus- und Bahnfahrt nicht immer so anfühlt... 😉
LG
Matthias
Interessanter Beitrag. Anja. Sehr schön geschrieben. Ich wünsche Euch viel Freude, Abenteuer, Spaß und vieles mehr. Salut, Guten Wind und immer eine Handbreit unterm Kiel SG, Papillon