Bootspleiten, Pech und Pannen
- Anja
- 21. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Wie wir unser Boot und unsere Nerven generalüberholten
Manche Menschen kaufen sich ein Boot und fahren los. Andere kaufen sich ein Boot – und bauen es erst einmal komplett auseinander oder um.
Wir wollten kein Projektboot und dennoch gehörten wir ungewollt zur zweiten Kategorie.
Der Plan war einfach. Die Realität… weniger.
Als wir unser Boot übernommen haben, dachten wir wirklich: „Wir machen hier ein paar Sachen hübsch, checken die Technik – und dann geht’s los.“
Was wir nicht wussten: Jedes Projekt, das wir angefasst haben, hat sofort mindestens drei neue Projekte nach sich gezogen. Wie eine Hydra. Schneidest du einen Kopf ab, wachsen drei nach. Nur teurer.
Willkommen in unserer ganz persönlichen Bootsumbau-Saga.
Es fing harmlos an. Wie immer.
„Ach, wir schauen uns das Boot erst mal in Ruhe an“, sagten wir.
„Das Meiste ist ja schon gemacht“, sagten wir.
„So schlimm kann es nicht sein“, sagten wir.
Tja…
Schon beim Gutachten meldete sich der Motor an Backbord erst mit einer leichten weißen Rauchwolke. Später wurde aus dem zarten Ich-bin-nur-kalt-Wölkchen, eher eine Papstwahl im Maschinenraum-Wolke. Das stand also auf unserer To-Do-Liste ganz oben. Bzw. auf Denny’s Liste.
Die To-do-Liste wuchs schneller als unser Optimismus, was folgte, war eine Liste, die eher an einen mittleren Werftauftrag erinnerte als an ein privates Boot:
Der Motor an Backbord rauchte weiß
Der Außenbordmotor lief nur im Notlauf
Die Solarpanels wurden komplett ausgetauscht
Die WCs wurden von „maritim rustikal“ auf elektrisch umgerüstet
Stromkabel neu verlegt – und zwar richtig (einige Kabel waren vorher einfach zusammengesteckt, jetzt sind sie verlötet, isoliert und hoffentlich für die Ewigkeit gemacht)
Das gesamte Boot wurde aus- und aufgeräumt, weil die Vorbesitzer mit Handgepäck abgereist sind
Komplettreinigung von allem, was nicht schnell genug fliehen konnte
Regalböden in die Schränke
Rümpfe reinigen und polieren
Fenster, Klimaanlage und Deckenpanele abdichten
Und gefühlt hundert Kleinigkeiten, die man nicht plant, die aber trotzdem passieren
Zwischendurch fragten wir uns, ob noch irgendetwas an diesem Boot existiert, das wir nicht zumindest einmal angefasst haben.
Punkt 1 auf der Liste: der Backboardmotor.
Also rein in den Maschinenraum. Ein Ort, der vermutlich extra dafür gebaut wurde, dass man sich nur in unnatürlichen Körperhaltungen bewegen kann.
Weißer Rauch heißt, dass irgendwo im System Wasser verdampft. Wo genau, das gilt es herauszufinden. Fragen, Suchen, Recherchieren.
Antworten wie: "Das ist die Zylinderkopfdichtung" oder "ihr müsst den Motor komplett tauschen" machten uns nicht gerade Mut. Vielleicht hilft die Idee von Denny’s Papa: spülen. So findet man vielleicht das Leck im System, das für das Wasser im Selbigen verantwortlich ist.
Vorwärts – also von Oben – hat gut funktioniert, brachte aber nicht den gewünschten Erfolg. Kein Leck gefunden.
Rückwärts – also von unten – funktionierte zu gut. Ein Leck wurde zwar auch nicht gefunden, es gab nämlich keins, der Druck war aber so groß, dass der Plastedeckel des Seewasserfilters in die Luft gesprengt wurde. Teile des Deckels sind bis zu 4m weit geflogen.
Denny saß übrigens direkt daneben, bis auf einen großen Schreck und ein kleiner Kratzer ist ihm aber nichts passiert. Möglicherweise hatte der Deckel aber auch schon einen kleinen Riss und durch die Druckprobe hat Denny diesen unsanft „vergrößert“.
Und damit sind wir beim Thema Lehrgeld – die stille, teure Lektion.
Neben Schweiß, Zeit und Nerven haben wir auch Lehrgeld zahlen müssen. Und zwar nicht zu knapp.
Wir wussten schlicht nicht:
Welche Teile zu welchem Geräten gehören
Welche Gasflaschen aus welchem Land sind
Welche Dinge man besser nicht wegwirft
Also haben wir Sachen entsorgt, die wir später neu kaufen mussten.
Oder Dinge weggegeben, für die es eigentlich Pfand gegeben hätte.
Oder halt Deckel in die Luft gesprengt, die wir neu bestellen mussten.
Das tat weh. Nicht nur im Geldbeutel, sondern auch emotional. Dieses Gefühl, wenn man denkt: „Hätten wir das nur früher gewusst…“
Aber so ist das wohl, wenn man ins Bootsleben einsteigt. Man zahlt entweder mit Geld – oder mit Erfahrung. Wir haben uns für beides entschieden.
Weiter geht’s mit der Liste:
Strom, Solar und Sanitär.
Einige Kabel waren teilweise einfach in einen Schrank gestopft und/ oder nur locker zusammen gesteckt und ziemlich wild verlegt. Heute sind die Kabel gezogen, sortiert, ausgetauscht, verlötet und neu verlegt. Zudem haben wir die Sicherungen kontrolliert, teilweise erneuert und auch Rauch- und CO2-Melder installiert. Das gibt uns ein gutes und sicheres Gefühl.
Solar war schon auf dem Boot drauf. Allerdings nur etwa 2KW. Da wir möglichst lange Zeit autark sein wollen, musste auch hier Arbeit reingesteckt werden:
Von ein wenig lehrlingsmäßig angebracht - zu ordentlich und gerade verschraubt.
Von 1,7KW - zu 2,8KW.
Von Kabel, die schon fast durchgescheuert waren, weil die Verlegung scharfkantig war - zu sauber, abgeschliffene Kanten.
Von „ein Kabel an ein Gerät“ - zu fest ins Boardnetz integriert.

Ich hatte ja schon oben erwähnt, dass unsere WC‘s auch nach Aufmerksamkeit verlangten. Beide waren nämlich noch auf Pump-Spülung-Modus. Laut Internet und Youtube sollten es 30-40 Pumpimpulse sein um alles sauber zu hinterlassen ;) Das macht natürlich keiner, weil das ziemlich anstrengend ist. Zudem hat ein WC auch getropft. Also umrüsten auf elektrisch.
Jetzt, da wir ja schon richtig verlegte Kabel und Solarstrom haben, können wir auch elektrisch spülen.
Denny hat sich für Recherchezwecke einen ganzen Tag lang maritime Klospülungen auf Youtube angehört, inklusive Verkaufsteaser: „Das ist das ultimative Super-duper All Inklusive Mega leise maritime Must Have Klo…..“
Nach dem Umbau plopten auch hier wieder weitere To-Do’s auf, zB. die Wasserpumpen entsprechend den neuen WC’s anzupassen.
Freizeit? Nur theoretisch vorhanden. Unsere Tage bestanden aus:
Schrauben
Putzen
Fluchen
Googeln
Wieder Schrauben
Mit jedem Tag wurde uns klarer: Das Boot hatte zwar Charme, aber auch eine Vergangenheit, die man lieber nicht im Detail hinterfragt. Aber: Aufgeben wollten wir nie. Aber verzweifeln? Oh ja. Mehrfach. Täglich. Teilweise stündlich.
Wir waren so erschöpft, dass wir es gerade noch bis zum Einkaufen geschafft haben.
Sightseeing? Keine Chance.
Entspannung? Nur im Wortschatz vorhanden.
Der einzige Luxus unseres Alltags: 50 Meter den Steg runter gab es Cocktails. Und ja, diese 50 Meter haben wir erstaunlich oft geschafft. Weiter weg allerdings sehr selten.
Aber irgendwann war es dann endlich soweit, wir waren bereit für die erste eigene Probefahrt. Den Wassermacher testen, ob er läuft (im Hafen wollten wir den nicht laufen lassen), Segel kontrollieren, Autopilot testen, usw.
Alle Vorbereitungen waren soweit abgeschlossen: Boot unter und über Deck seefest gemacht, wir haben uns abgesprochen, wer welche Aufgaben beim Ablegen übernimmt und das Wetter stimmte auch für das erste Hafenmanöver.
Die letzte Aufgabe war nur noch unsere Gangway auf den Steg zu legen – Dennys Aufgabe.
Ein großer Schritt auf den Steg und fertig. Unglücklicherweise ist Denny dabei ausgerutscht und mit der Gangway in der Hand auf den Steg gefallen. Es gab eine große Platzwunde, viel Blut und Aufregung. Ich habe Denny an Ort und Stelle verarztet.
Heute trägt er eine Narbe. Ein Souvenir, eine Erinnerung.
Es ist also nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch mental.
Nicht dieses romantische „Wir arbeiten gemeinsam an unserem Traum“, sondern eher „Warum sitze ich gerade kopfüber in einer Ecke, die kleiner ist als ein Handgepäckstück?“
Man krabbelt, man liegt, man verrenkt sich. Man putzt Stellen, von denen man nicht wusste, dass sie existieren – und die vermutlich nie wieder jemand sehen wird.
Und genau da kam mir ein Gedanke, der sich immer wieder eingeschlichen hat:
Gut, dass wir noch halbwegs jung sind. Gut, dass wir noch fit sind. Und gut, dass wir vorher einen Medizinkurs belegt haben.
Ganz ehrlich: Als Rentner könnte ich mir kaum vorstellen, in jede kleinste Ecke zu kriechen, um dort Staub, Schimmel, Ölreste oder Dreck zu entfernen. Respekt an alle, die das können – ich war froh über jedes muskelkaterfreie Aufstehen.
War oder ist es das wert?
In den schlimmsten Momenten: nein.
Heute: ja.
Denn zwischen all den Pannen, dem Chaos und der Erschöpfung ist etwas passiert: Wir haben unser Boot wirklich kennengelernt. Jedes Kabel, jede Schraube, jede Schwachstelle.
Es ist jetzt nicht nur ein Boot. Es ist unser Boot. Mit Geschichte. Mit Narben. Mit vielen Anekdoten.
Wenn uns heute jemand fragt, was man für so ein Projekt braucht, fallen uns vor allem zwei Dinge ein: Zeit und Ausdauer.
Und vielleicht noch Humor. Viel Humor. Denn jedes Problem bringt dich deinem Boot näher.
Und wenn wir irgendwann gemütlich irgendwo vor Anker liegen, Cocktail in der Hand, dann wissen wir:
Dieser Moment ist nicht selbstverständlich. Er ist erarbeitet.
Es war der Anfang von etwas, das jetzt wirklich unser ist. Und das fühlt sich richtig gut an.
⛵
Ahoi an alle
Anja




Wenn ich nicht wüsste, dass das nur ein kurzer Ausschnitt aus der To-Do-Liste ist, würde ich die beschriebenen Arbeiten schon sehr viel finden. Aber es war viel mehr! Ja, wirklich.
Ob die Probleme auch doppelt kommen, weil es ja zwei Rümpfe gibt ;-) ?