Sturmtage in La Rapita
- Anja
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Wenn der Hafen den Atem anhält.
Seit etwas mehr als einem Monat liegen wir im Hafen von La Rapita, genau in der Mitte von Barcelona und Valencia. Und auch wenn das Mittelmeer ab und zu spiegelglatt ist, in diesem Winter zieht ein Sturm nach dem anderen über das Mittelmeer. Selbst die Spanier sagen, dass sie sowas schon lange nicht mehr erlebt haben. Die Überfahrt von Barcelona nach La Rapita war entspannt. Sonnensegeln bei raumen Winden, sodass wir sogar unseren Gennaker ausprobiert haben.
Beim ersten Versuch waren wir noch ein wenig unsicher und haben ihn gleich wieder eingerollt. Ein wenig später waren wir aber mutig genug und es hat sehr gut funktioniert.
Angekommen im Ebro-Delta haben wir die ersten 2 Tage in der nördlichen Bucht vor Anker verbracht. Hier wurde es uns dann aber zu windig und wir sind Anker auf. Außen herum und in die südliche Bucht. Hier liegt das Städtchen La Rapita.
Ein größerer Hafen und Einkaufsmöglichkeiten gibt es auch. Dazu kleine Cafés, viele Restaurants und im Hintergrund hohe Berge. Da sich bei dem starken Wind in der nördlichen Bucht der UV-Streifen unserer Genua aufgelöst hat, sind wir nach zwei weiteren Tagen vor dem Hafen in die Marina gefahren. Inklusive unseres ersten Funkspruchs an den Hafenmeister. Außerdem hatte sich schon wieder viel Wind angekündigt und den wollten wir nicht nochmal vor Anker haben. Inzwischen wissen wir, dass zwischen den Stürmen etwa 7–10 Tage liegen. Das reicht, um fast zu vergessen, wie laut 60 Knoten sein können.
Wenn ein Sturm angekündigt ist, beginnt inzwischen bei uns eine Art Ritual:
Wir kontrollieren alle Leinen und Festmacher. Jede einzelne wird geprüft, neu belegt, doppelt ausgebracht. Hier und da legen wir einen Scheuerschutz darunter. Wir sichern, polstern, binden Fender zusammen und verteilen sie strategisch, fixieren Fallen und Schoten, sodass nichts schlagen kann, binden das Großsegel fest an den Baum. Jedes Teil, jede lose Ecke, alles, was klappern könnte, bekommt Aufmerksamkeit. Wir versuchen, unser Boot in einen Zustand zu bringen, in dem es dem Wind so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten kann. Und dann warten wir. Der ganze Hafen hält den Atem an, alle sind angespannt, es gibt kein anderes Gesprächsthema.
Obwohl ich weiß, dass wir gut fest sind – ich habe ja selbst mitgeholfen und kontrolliert – mache ich mir Gedanken: Was, wenn doch eine Leine reißt? Was, wenn unsere Cockpitplane kaputtgeht?
Tagsüber versuche ich, mich abzulenken. Putzen, Wäsche waschen, Aufräumen, Listen schreiben … Hauptsache beschäftigt bleiben. Der Alltag an Bord hört ja nicht auf, nur weil es draußen stürmt und pfeift. Es gibt immer etwas, das optimiert, repariert, ersetzt oder verbessert werden kann – ein Boot ist nie fertig.

Nachts ist es anders. Man hört eine Böe schon lange, bevor sie da ist. Ganz vorne im Hafen beginnt es – ein einzelnes Fall schlägt gegen den Mast. Klonk. Dann noch eines. Und noch eines. Das Geräusch, das Rauschen, wandert näher, wird lauter, breitet sich aus. Dazu kommen ein Fauchen und Brüllen. Ein ganz eigener Ton, schwer zu beschreiben – als würde die Luft plötzlich ein Gewicht bekommen. Und dann trifft uns die Böe: Das Schiff spannt sich in die Leinen, arbeitet, bewegt sich. Alles klingt größer im Dunkeln. Pfeifen, klappern, knarren, die Leinen ächzen und entspannen sich wieder, permanentes Rauschen, irgendwo schlägt Metall gegen Metall.
Trotz Ohrstöpsel wache ich nachts etwa einmal pro Stunde auf. Lausche kurz und schaue auf die Windanzeige in der Navi-Ecke. Ein Kontrollblick durch das Dachfenster, ein Gang ins Cockpit, manchmal über Deck. Die Nächte sind lang und anstrengend.
Am Samstag haben Denny und ich einen windigen Spaziergang durch den Hafen gemacht. Viele Boote haben gelitten. Biminis sind zerrissen, Planen und Segel zerfetzt, Fender geplatzt, sodass die Rümpfe einiger Boote am Steg gescheuert haben. Bei ein paar Booten konnten wir die Fender umhängen und hoffentlich weiteren Schäden vorbeugen. Andere Monos wurden vom Wind so auf die Seite gelegt, dass der Anblick, selbst vom Steg aus, bei mir Unruhe auslöst.
Heute Mittag war der Spuk plötzlich vorbei, als ob einer einen Schalter umgelegt hätte. Und jedes Mal, wenn der Sturm vorbei ist und alles gehalten hat, kommt dieses Gefühl von Erleichterung. Und ja – auch Stolz. Ich hatte Zweifel, ich hatte Angst. Aber wir waren vorbereitet und es hat gehalten.
Obwohl wir nur 50 Meter vom Ufer entfernt liegen, hat der Wind dafür gesorgt, dass unser Boot komplett eingesalzen ist.
Während ich hier schreibe, steht Denny schon oben auf dem Dach. Kärcher im Rucksack, Kabel hinter sich herziehend, und spritzt das Salz vom Boot. Die Sonne geht langsam unter. Das Licht wird weich. Es wirkt friedlich – fast so, als hätte es die letzten 36 Stunden nie gegeben.
Aber wir wissen beide: Der nächste Sturm steht schon in den Startlöchern. Donnerstagabend soll es wieder losgehen.
Man lernt hier eine besondere Form von Geduld. Und Demut. Man lernt, Dinge sorgfältig vorzubereiten und sie dann loszulassen. Mehr als festmachen, sichern, kontrollieren können wir nicht.
Aber es gibt auch gute Nachrichten: Unsere Genua ist inzwischen vom Segelmacher zurück. Wir hatten das Vorsegel an einem windstillen Tag runtergeholt, eingepackt und nach Barcelona gefahren. Jetzt ist der Streifen erneuert, das Tuch wirkt fast wie neu.
Und wir hatten unseren ersten Gast an Bord. Meine Mama hat uns für zwei Wochen besucht. Wir haben zusammen gekocht, sind durch den Ort gelaufen, waren wandern und haben die ruhigen Tage genutzt. Und ja, auch meine Mama hat hier einen Sturm miterlebt, allerdings war der „nur“ eine Nacht. Und trotzdem ist auch sie dreimal in der Nacht aufgestanden und hat auf den Windanzeiger geschaut.
Inzwischen ist sie gut wieder zu Hause angekommen. Und wir?
Wir bleiben hier. Ganz bewusst. Das Wetter im Mittelmeer ist im Moment zu unbeständig, um entspannt unterwegs zu sein.
Und irgendwo zwischen Fallenschlagen, Windgeheul und Sonnenuntergang wächst mit jedem Sturm auch ein kleines bisschen mehr Vertrauen – ins Boot und vielleicht auch in uns selbst.
Ahoi an alle
Anja





Wow, ihr Beiden. Anja- du hast das so großartig beschrieben, dass ich fast dabei war. Es macht Freude eure Erlebnisse zu verfolgen. Und bei all den "Stürmen" werdet ihr weiterwachsen. Das ist auch gut so bevor es irgendwann auf größere Fahrt geht, Sicherheit geht vor.
Wir freuen uns schon euch irgendwann, irgendwo in der Welt, auf eurem Katamaran zu besuchen.