• Anja

Fast Halbzeit

Das Jahr 2021 ist vorbei, das Neue einen Monat alt.

Wie lange haben die eigenen Vorsätze gehalten? Hattet ihr euch überhaupt etwas für das neue Jahr vorgenommen? Die guten Vorsätze für das neue Jahr resultieren ja nicht selten aus den Nicht-erfüllten, Nicht-beachteten und Nicht-daran gehaltenen Erwartungen, Wünschen und Vorsätzen des letzten Jahres. Also, was habt ihr euch im letzten Jahr schon vorgenommen, für dieses Jahr wieder aus der Versenkung geholt und vielleicht schon wieder verworfen?

Mein Vorsatz: einmal in der Woche einen halben Tag das Telefon zur Seite legen!

Und bisher, nun es sind ja schon ganze vier Wochen, hat es gut geklappt. ;)

Warum ich gerade das einzige Kommunikationsmittel was mich mit Zuhause verbindet weglege? Weil mich diese ständige Handyspielerei, das permanente „auf Abruf sein“ nervt. Und weil ich andere Menschen beobachte. Ich möchte mich im Restaurant mit meinem Gegenüber unterhalten, nicht die neusten Nachrichten auf meinem Telefon checken. Ich möchte sicher über die Straße gehen und nicht vor eine Laterne laufen. Ja, beides schon oft beobachtet, gesehen und selbst erlebt. Gerade hier ist das Handy nicht nur zum Anrufen da. Es ist Portemonnaie, Fernseher, Spielekonsole, Fitnesstracker, Taxibesteller, Lifestylevermittler.

Und mein halber Tag Abstinenz tut mir gut.


Am letzten Wochenende waren Denny und ich am South Lake. Da die Seen hier ja mindestens 50cm dick gefroren sind, kann man nicht nur auf den Seen Snowkiten oder Schlittschuhfahren sondern auch mit dem Auto drauf. Auf der südlichen Seite vom South Lake ist eine Rennstrecke abgesteckt. Rennautos mit Spikes fahren hier am Wochenende um die Wette. Auf dem Eis. Und trotz der Spikes rutschen sie ziemlich. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, die Autos wurden von superschnellen Kameradrohnen verfolgt. Und auch etwa nur 1 Meter hinter oder seitlich des Autos. Ein Flugfehler und die Drohne ist hin…

Ich weiß inzwischen selbst, wie schwierig es ist unsere Drohne zu fliegen. Bisher hatte ich immer zu viel Angst sie gegen einen Baum zu fliegen oder im Meer zu versenken, sodass ich noch nie mit unserer kleinen Krabbe geflogen bin.

Aber auf den zugefrorenen Seen ist wirklich viel Platz und wenn man sich einen See aussucht, wo keine Autorennen veranstaltet werden, kommt einem auch niemand anderes in die Quere. Ich habe also meine ersten Flugstunden absolviert, ohne Abzustürzen.

Aber nicht nur auf dem South Lake ist eine Rennstrecke markiert. Auch auf anderen Seen gibt es freigeschobene „Straßen“. So auch auf dem Flughafen See (heißt eigentlich Kalun Lake Reservoir) und Denny und ich sind mit unserem Golf rauf. Sehr spannend und wirklich spaßig. Viel besser als beim ADAC Fahrtraining, weil man viel weiter rutscht.


Ende Januar, Anfang Februar ist das chinesische Frühlingsfest oder auch Chinese New Year. Die ganze Stadt ist geschmückt und mit Lichtern bestrahlt. Außerdem schmücken sie ihre Häuser mit Lichterketten und roten Laternen. Hier in China allgegenwärtig und beliebt, zu Hause kennzeichnet eine rote Lampe denn doch eher ein Etablissement das, sagen wir mal, besondere Bedürfnisse stillt ;)


Ich habe ja schon erzählt, dass es hier eher kein Weihnachten gibt. Aber für die Chinesen ist diese Zeit jetzt wie Weihnachten, Silvester, Ostern, und Geburtstag zusammen. So wie es bei uns in der Vorweihnachtszeit in den Supermärkten zur Sache geht, ist es hier genauso. Die Menschen hetzen von einem Laden zum nächsten, kaufen Geschenke, sind gestresst und versuchten so viele Dinge zu erledigen, wie es nur geht und in den Restaurants findet eine „Weihnachtsfeier“ nach der anderen statt. Also genau wie zu Hause. Im letzten Jahr ist mir das noch nicht aufgefallen, da wir ja auch erst ankommen mussten. Habe ich im letzen Jahr noch überlegt, welches chinesische Tierkreiszeichen 2021 bestimmt (es war der Büffel), ist es dieses Jahr für mich schon vorher zu erkennen. 2022 ist das Jahr des Tigers. Überall gibt es Kuscheltiere in Tigerform, natürlich in Rot, zu kaufen, hängen Tiger in Bildern an den Wänden, werden Tiger gemalt oder als Dekofiguren verkauft.

Und seit etwa einer Woche knallern sich die Chinesen auch schon warm… Die kommende Woche erreicht die Knallerei dann ihren Höhepunkt mit 24/7 und etwa im letzten Februardrittel hat die Böllerei dann ein Ende.



Fast Halbzeit und kurzer Rückblick

Übrigens haben wir im März schon Halbzeit! Dann müssen wir schon fast wieder daran denken, was wir in den Ausreisecontainer packen werden.

Wie schnell die Zeit jetzt doch vergangen ist. Hatte ich an den einzelnen Tagen im letzten Jahr das Gefühl, der Tag nimmt kein Ende, empfinde ich heute anders. Das Jahr war so schnell rum, dass ich mich jetzt nicht mehr vor den nächsten paar Monaten grusel. Ihr wist ja, dass mein Start hier etwas holprig war, aber inzwischen würde ich sagen, dass ich doch angekommen bin. Ein Jahr hat es gedauert, dass ich eine leichte Zufriedenheit empfinde. Nicht, dass ich mich an das Essen, den Verkehr, die hygienischen Umgangsformen, oder den Müll gewöhnt hätte. Nein, das nicht.

Es ist eher so, dass ich weitestgehend das chinesische Essen vermeide, lieber etwas früher losfahre, damit ich in Ruhe und defensiv durch den Verkehr komme, vernichtende Blicke an Menschen verteile, die mir vor die Füße rotzen und den Müll vor unserer Tür in die Tonne werfe.

Ich habe inzwischen auch ein paar Mädels gefunden, die mit mir zusammen Sport machen. Da freue ich mich sehr drüber.


Das letzte Jahr hat auch für Denny und mich beziehungstechnisch einige Herausforderungen mitgebracht: Denny arbeitet viel und engagiert und ich warte darauf, dass er nach Hause kommt.

In diese Hausfrauenrolle habe ich mich immer noch nicht gefügt und werde ich auch mit Sicherheit nicht, aber ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass diese Verteilung zu Diskussionen führt.

Nicht nur einmal habe ich meinen Koffer aus dem Keller geholt, wollte Sachen packen und nach Hause fliegen. So wenig Zeit man hier miteinander verbringt, so ist aber auch der Partner der einzig wirkliche Bezugspunkt. Der Partner ist hier die Basis, das Zuhause, der Anker. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, sich diesen Mittelpunkt nicht zum Feind zu machen. Und das ist gar nicht so einfach. Die gegenseitigen Erwartungen treffen zum Feierabend aufeinander, werden nicht oder nur unzureichend formuliert, man geht von Verständnis aus und fühlt sich dennoch missverstanden. Was also tun, wenn reden nur zu noch mehr Frust führt? Gar nicht miteinander reden, sich in die Ecke setzen und schmollen, Koffer packen? Jupp, haben wir probiert. Hat nix geholfen. Davon wurde es auch nicht besser.

Wir haben uns also hingesetzt und das WIE analysiert. WIE gehen wir miteinander um? WIE reden wir miteinander? WIE möchte der jeweils andere, dass mit ihm umgegangen wird? Und: WIE wichtig ist uns unsere gemeinsame Zeit?

Aber so ganz von allein ging das auch nicht, wir haben uns ein wenig Unterstützung gesucht, in Form eines Buches. Hier lesen wir jetzt jede Woche ein Kapitel gemeinsam. Für mehr Achtsamkeit im gemeinsamen Umgang.


Die kalten Temperaturen hier haben auch Vorteile:

Die Changchun Ice & Snow World. Tempel, Schlösser, Figuren, Rutschen und Flugzeugträger gebaut aus Eis. Wird es dunkel, werden die Lichter angeschaltet und alles ist ganz bunt.



Wie lange ist es her, dass ich mal eine Zuckerwatte gegessen habe...

Und es gibt hier auch kandierte Früchte. Die Temperaturen sorgen allerdings dafür, dass die Erdbeeren (die hatte ich mir ausgesucht) unter dem Zucker gefroren waren... Bei mir machen gefrorene Erdbeeren Bauchweh. Also probiert, für gut befunden, aber nicht nochmal.


Ende Januar haben wir Dennys Chef nach Deutschland verabschiedet. Es war ein sehr schönes Abschiedszusammensein.


Liebe Grüße von uns

Anja & Denny



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