• Anja

Kein Ende in Sicht

Aktualisiert: 26. Apr.

Wir sind inzwischen in Woche 5 angekommen.

Woche 1 und 2 waren ja noch ganz entspannt.

Woche 3 hatte einige Herausforderungen was die Nahrungsmittelbeschaffung betraf.

Seit Woche 4 dürfen wir nicht mehr spazieren gehen.

Und jetzt in Woche 5 kommen Sorgen dazu.

Und es ist kein Ende in Sicht.

Es gibt auch keinen Termin für neue Gespräche, wann eine Öffnung stattfinden könnte. Jedenfalls nicht, soweit mir bekannt ist.


Wie ist unsere Situation?

  1. Die Lebensmittelbeschaffung entwickelt sich zu einer Aufgabe, die anstrengend und nervenaufreibend ist:

Da wir das Haus nicht mehr verlassen dürfen, werden die Lebensmittel geliefert. Die muss man über das Handy bestellen. Da seit Woche 3 der Supermarkt im Wohngebiet nur noch liefert, wussten wir, dass es eine WeChat Gruppe gibt, wo man Lebensmittel bestellen kann, aber auf Nachfrage bei anderen Expats im Compound hieß es nur: „die Gruppe ist voll“.

Auch JRE (die Agentur, welche für z.B. Wohnungssuche und weitere Unterstützung zuständig ist) hat es nicht für nötig gehalten, hier entsprechend tätig zu werden und Möglichkeiten der Lebensmittelbeschaffung aufzuzeigen. Erst seit Beginn Woche 5 sind wir endlich in dieser WeChat Gruppe. (JRE hatte wohl ein Einsehen)

In dieser Gruppe gibt es eine Person, welche die tagesaktuellen Angebote postet. Das kann z.B. eine Tüte Gemüse oder Obst sein. Man muss aber sehr schnell sein. Die Anzahl ist fast immer begrenzt. Wer zu spät kommt, der kriegt nix. Heißt also: entweder du hockst den ganzen Tag vor deinem Telefon und wartest, dass die „Gemüsefrau“ ihr Angebot textet, oder man verlässt sich darauf, dass man im richtigen Moment das Telefon zur Hand nimmt.

Aussuchen ist übrigens nicht. Die Devise lautet: friss oder stirb (an Skorbut)…

Neben Gurken, Zucchini und Aubergine ist auch Kohl in Mengen dabei, die weder Denny noch ich essen möchten noch vertragen. Letztes Mal war ein Gemüse dabei, was aussah wie Osterglocken. Ich hätte es ja in die Vase gestellt, Denny meinte, man könne das essen.

Außer Lebensmittel gibt es in dieser Gruppe auch noch Propagandasprüche und Anprangerungen. Es werden Videos geteilt, wenn sich jemand außerhalb seiner 4-Wände aufhält und Kommentare à la „es sollte eine Community-Patrouille geben“ gepostet.


Der Compound Supermarkt ist heillos überfordert mit den Bestellungen, obwohl er ja schon mind. 2 Wochen Zeit hatte, seine Prozesse zu optimieren… Er liefert also entweder gar nicht, oder nur die Hälfte. WeChat hat ein tolle Feature: es hat einen eingebauten Übersetzer. D.h. jede Sprache wird in die eigene übersetzt. Funktioniert aber beim Supermarkt nicht. Also versuche ich meine Bestellung schon vorab auf Chinesisch und mit Bildern zu senden, in der Hoffnung, sie wird gelesen und geliefert. Klappt bisher nicht zuverlässig.


2. Sorgen

Zu den Problemen der Lebensmittelbeschaffung kommen zusätzlich die Social Media Berichte und die (u.a. auch vom Arbeitgeber verteilten) Berichte und Aufforderungen.

Seit Wochen gehen die Zahlen der (Neu-)Infektionen nicht wirklich runter. Obwohl die Wohngebiete geschlossen sind und nichts rein oder raus geht. Man fragt sich ernsthaft, wie das sein kann, wo doch die Leute nur noch zu Hause hocken. Die Antwort liefern die Medien oder Newsletter: Es wurden Viren auf Pullover und Gemüseverpackungen gefunden. Ob das nun der Wahrheit entspricht, weiß ich nicht, aber es macht etwas mit dir. Nicht sofort und auch nicht wirklich deutlich. Aber vor dem Hintergrund, dass nicht nur die Möglichkeiten der Verbreitung ziemlich wilde Formen annehmen, sondern die daraus folgende Konsequenz, wenn du positiv getestet wirst, hinterlässt Spuren.

Getestet wird inzwischen bis zu 2x täglich. Teilweise über Selbsttests, die verteilt werden oder mit persönlicher Betreuung am Gartenzaun/ Wohnungstür (ein Verlassen ist ja nicht mehr erlaubt). Diese Selbsttests werden irgendwo hochgeladen, aber das geht nur für Chinesen. Wir sammeln die Tests und können fast schon ein eigenes Testcenter eröffnen…

Wirst du positiv getestet, wobei 1 Haushalt in 1 Röhrchen getestet wird, kommst du in eine Zentralquarantäne. Stand gestern (12.4.) ist diese in Changchun NOCH im Krankenhaus, die Betten dort sind noch nicht alle belegt. Übrigens ist es egal, ob du Symptome hast oder nicht, du wirst abgeholt. Wenn die Betten im KH voll sind, werden Messehallen oder Zelte entsprechend hergerichtet. Auf engstem Raum werden die unterschiedlichsten Virustypen zusammengepfercht.

Der Arbeitgeber hat eine Packliste für diese Situation zusammengestellt mit dem Hinweis, man solle doch bitte mit den Behörden kooperieren.

Zur Kooperation gehört übrigens auch, dass man ggf. mit zusehen muss, wie die Behörden das Haustier töten (das wird aber natürlich so explizit nicht erwähnt).

Kommt man nach dem Aufenthalt im Virensammellager zurück, wurde die Wohnung von den Behörden desinfiziert. Eine Bekannte aus einem anderen Wohngebiet hat erzählt, dass die Wohnungen danach nass und durchtränkt sind.

Möchte man der Situation hier entfliehen, sprich nach Deutschland fliegen, so geschieht dies auf eigenen Wunsch. Fraglich ist dann, ob es eine Möglichkeit der Rückkehr gibt. Für die Angehörigen mit Sicherheit nicht, für den Angestellten vielleicht.


Ich habe wirklich keine Angst vor Corona. Inzwischen ist es ja nun fast nur noch eine Erkältung/ Grippe und in Deutschland hatte es jeder mindestens 2x. Ich habe aber Angst mich anzustecken und vor diesen Konsequenzen. Mit den Informationen, welche hier fleißig verbreitet werden (Viren auf Gemüse, Pullis, usw.) schnürt es mir den Hals zu. Ich habe keinen Hunger mehr und möchte auch nichts essen.


Für Denny stellt sich die Situation wohl anders dar. Er hat seinen normalen Tagesablauf und bewegt sich in der VW-Blase. Hier gibt es keine Veränderung. Jedenfalls keine wirklich spürbare. Meetings, Deadlines, Planungen… alles läuft fast normal weiter, außer dass einige Fabriken geschlossen sind und dafür Lösungen gefunden werden müssen. Spricht er mit Freunden oder Familie zu Hause, ist hier alles in Ordnung, nur ein wenig umständlich. Wirkliche Emotionen habe ich nur bei der Frage „was passiert mit Yuri“ sehen können. Jedenfalls solange bis er von seinem Chef zugesichert bekommen hat, dass dieser sich dann im Fall der Fälle dafür einsetzen würde, dass Yuri lebendig bleiben darf.

Jeder von uns hat also seine eigene Strategie mit dieser Situation umzugehen.


Für mich ist so langsam ein Punkt erreicht, wo ich ernsthaft hier weg möchte. Ich kann diese Anprangermentalität und Propagandaschei*** nicht ab, fühle mich eingeengt und bevormundet. Ich bin wütend auf alles und jeden und kann es nirgendwo raus lassen.


Seit Woche 4 hat auch das Partner Support Programm geschnallt, dass hier in Changchun Lockdown herrscht und kommt jetzt mit so Mental Health Fitness und positivem Mindset Quatsch um die Ecke. (Das PSP Team sitzt übrigens in Shanghai, da ist seit 1.4. Lockdown, sind also jetzt aufgewacht)

Ernsthaft Leute? Ich würde es mehr begrüßen, wenn ihr euren Job machen würdet und vernünftige (Aus-, Weiterbildungs-)Angebote raussucht und keine Teezeremonien oder Kochrezepte. Lasst eure Kontakte aufleben und kümmert euch darum, dass die Menschen hier nicht in Zentralquarantäne gesteckt werden. Kümmert euch darum, dass die Haustiere nicht „entsorgt“ werden. Kümmert euch darum, dass Familien, die, aus welchem Grund auch immer, eine Ausreise planen, zusammen zurück kommen können. Und wenn ihr nicht dafür zuständig seid, dann kümmert euch darum, dass die Dinge bei den richtigen Leuten platziert werden.

Dann klappt‘s auch mit dem positiven Mindset.


Österliche Grüße

Anja

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