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Von Gibraltar nach Madeira

Autorenbild: Anja
Anja
vor 11 Minuten
7 Min. Lesezeit

Für uns ging es von La Línea bei Gibraltar nach Madeira. Eine Passage, auf die ich mich einerseits gefreut habe, die bei mir aber auch für ziemlich viel Anspannung gesorgt hat. Denn so sehr ich das Leben auf dem Wasser liebe, so wenig kann ich behaupten, dass mich alles, was sich dort draußen abspielen könnte, völlig kalt lässt. Gemeinsam mit unseren Mitseglern haben wir lange geplant und vorbereitet, Wettermodelle studiert, mögliche Routen geprüft und auf das passende Wetterfenster zum verabredeten Termin gehofft.

 

Der Start unserer Überfahrt begann in La Línea, kurz vor der Straße von Gibraltar. Von hier aus sollte es hinaus auf den Atlantik und weiter Richtung Madeira gehen. Allerdings sind genau in dieser Ecke die Iberischen Orcas unterwegs, die es mitunter auf die Ruder von Segelbooten abgesehen haben.

Ich hatte wirklich große Angst davor, ihnen zu begegnen. Gerade die Vorstellung, dass sie unser Ruder beschädigen könnten und wir dadurch manövrierunfähig würden, hat mich sehr beschäftigt. Man kann eine Passage noch so sorgfältig vorbereiten, Wetter und Strömung prüfen und sich mit der Route auseinandersetzen. Manche Dinge lassen sich schlicht nicht kontrollieren. Und genau das macht sie für mich so schwierig.

Natürlich gibt es schlaue Webseiten, auf denen man nachlesen kann, wo sich diese Orcas gerade herumtreiben oder was man im Falle einer Interaktion machen soll, es gibt wissenschaftliche Daten dazu und das breite Wissensspektrum derer, die dort schon mehr oder weniger sicher durchgekommen sind. Und jeder, wirklich jeder hat dazu seine eigene Meinung. Es bleibt also jedem selbst überlassen, wie er diese Passage angeht. Natürlich weiß ich, dass man nicht jede mögliche Gefahr verhindern kann. Trotzdem ist es etwas anderes, wenn man selbst auf dem Boot sitzt und sich bewusst macht, dass bestimmte Situationen außerhalb des eigenen Einflusses liegen.

Wir haben uns schlussendlich für die südliche Route, Gibraltar – Marokko – Kap Spartel entschieden. Und es war für uns die richtige Entscheidung, da wir auf dieser Passage keine Orcas gesehen haben. Meine große Sorge hat sich nicht bewahrheitet, und dafür bin ich wirklich dankbar. Manchmal ist das schönste Erlebnis einer Reise eben auch das, was nicht passiert ist. 


Aber wo genau endet das Mittelmeer und wo fängt der Atlantik an?

Irgendwie hatte ich mir diesen Moment ein bisschen anders vorgestellt, nicht so alltäglich, so banal, so langweilig. Ich weiß nicht genau, was ich erwartet habe, vielleicht nicht unbedingt ein Hinweisschild: „Hier endet der Nichtschwimmerbereich“ aber zumindest eine Boje wäre doch nett gewesen. Schließlich verlässt man nicht jeden Tag ein ganzes Meer, um in ein anderes zu fahren. Aber nichts. Keine Boje, kein symbolischer Übergang, keine Wasserfarbenveränderung. Wir sind einfach weitergesegelt. So unspektakulär kann sich ein ziemlich großer Schritt anfühlen.

 

Aber schon in der ersten Nacht war es vorbei mit langweilig. Während Dennys Wache hatten wir eine Begegnung, auf die wir gut hätten verzichten können: mit dem Steuerbordruder haben wir ein Geisternetz eingefangen. Nachts, gegen 23:00 Uhr höre ich im Schlaf ein merkwürdiges Geräusch, baue es in meinen Traum ein. Dann stürmt Denny in die Kabine und holt mich aus den Federn: „Anja aufstehen, wir haben was eingefangen!“ Ich springe auf, ziehe meine wetterfesten Sachen an und stehe schlaftrunken im Cockpit. Es ist stockdunkel, der Wind heult, das Boot steht quer und die Wellen schlagen über das Deck. Jetzt bin ich wach. Denny gibt mir eine Lampe: „Schau nach was wir eingefangen haben!“

Ich kann ein Seil erkennen, das unter dem Steuerbordrumpf hängt und dass uns bei voller Fahrt (ca. 7kn) auf beinahe Null abgebremst hat. Das Netz hat unser Boot aus dem Ruder laufen lassen, wodurch das Segel nicht mehr im Wind stand, und wir an Geschwindigkeit verloren haben. Allein schaffen Denny und ich es nicht uns freizumachen, also wecke ich unsere Crew. Denny steht noch am Steuer und bringt das Schiff wieder auf Kurs bevor er das Ruder an Jan übergibt. Jan steuert unser Schiff von Hand, nur über die kleinen, matt beleuchteten Anzeigen, da ja sonst nichts zu sehen ist- wir sind bei Neumond unterwegs. Robin steht, selbstverständlich eingepickt, hinten auf der Badeplattform und zückt sein Messer, um uns freizuschneiden. Nachdem das geschafft ist, knoten wir das übrig gebliebene Netz, was noch um das Ruder gewickelt ist, an die Klampe. Das kann warten, jetzt müssen als nächstes die Segel runter.

Bei um die 20-25 Knoten Wind von hinten und hohen Wellen keine einfache Aufgabe. Robin und ich gehen zum Mast, Denny kümmert sich um die Fallen und Jan steuert uns weiter hochkonzentriert durch die Nacht. Als auch die Segel unten sind, kehrt langsam etwas Ruhe ins Schiff ein. Wir prüfen, ob der Autopilot trotz Seil am Ruderschaft arbeiten kann – Ja, kann er - damit ist auch Jan wieder entlastet.

Auf das erneute Setzen der Segel verzichten wir allerdings. Wir lassen uns für den Rest der Nacht vor Top und Takel treiben (also ohne gesetzte Segel) und machen trotzdem noch etwa fünf bis sechs Knoten Fahrt.

Nachdem die Crew und ich Denny erfolgreich davon abhalten konnten, gleich nachts ins Wasser zu steigen, um das Ruder zu kontrollieren, kann Denny seine Wache an Jan übergeben. Schlafen kann Denny trotzdem nicht. Verständlicherweise macht er sich Sorgen, ob das Ruder etwas abbekommen hat.

Bei erstem Tageslicht ist Denny wieder an Deck, gesichert mit Gurt und Seil an der Winsch. Er taucht das Ruder ab, entfernt die letzten Reste des Netzes und kann der Crew schließlich Entwarnung geben: Nichts ist kaputt gegangen.

Danach blieb es zum Glück ruhig. Bis auf diese erste ungeplante Aktion hatten wir auf der gesamten Passage keine besonderen Vorkommnisse mehr. 


Insgesamt waren wir 108 Stunden unterwegs. Das sind viereinhalb Tage auf dem Wasser, ohne zwischendurch irgendwo anzukommen, an Land zu gehen oder sich einfach einmal die Beine zu vertreten. Der Alltag an Bord war dabei erstaunlich überschaubar. Schlafen, essen, Wache

gehen. Und dann wieder von vorne. Wir hatten einen festen Wachrhythmus: Tagsüber, zwischen 6 und 18 Uhr, waren vierstündige Wachen vorgesehen. Nachts, zwischen 18 und 6 Uhr, wechselten wir im Drei-Stunden-Takt. So war geregelt, wer wann auf das Boot und die Umgebung achtet und wer sich ausruhen kann. Das klingt erst einmal ganz einfach. Und grundsätzlich ist es das auch. Trotzdem bekommt Zeit auf See irgendwann eine ganz eigene Qualität. Die Tage werden nicht mehr an Orten oder Unternehmungen gemessen, sondern an Wachwechseln, Mahlzeiten und Schlafphasen.

Man schaut aufs Meer, kontrolliert die Instrumente, das Wetter, beobachtet die Umgebung und wartet auf den nächsten Wechsel. Dazwischen versucht man, ausreichend Schlaf zu bekommen und etwas zu essen.

Nach einer Weile verschwimmen die einzelnen Tage ein wenig miteinander. Es gibt keinen Landgang, keinen Spaziergang, keinen Supermarktbesuch und auch sonst nichts, was den gewohnten Alltag unterbricht. Das Leben findet vollständig an Bord statt.

Und wenn ich ehrlich bin: Nach zweieinhalb Tagen hatte ich das Gefühl, dass wir jetzt auch gerne ankommen könnten. Viereinhalb Tage sind schließlich eine ganze Weile.

 

Navigation wie früher

Für unsere beiden Mitsegler Jan und Robin war unser Törn nicht nur Freizeit und Urlaub, sondern eine Qualifizierungsfahrt. Beide sind Anwärter für den RYA-Yachtmaster Ocean. Wer dazu mehr wissen möchte, findet hier weitere Informationen: RYA Yachtmaster

 

Für ihre Qualifikation benötigen sie unter anderem einen Nachweis über eine ausreichend lange Segelstrecke auf hoher See (mindestes 600nm und davon müssen 200nm ohne weitere Anhaltspunkte wie Land, Leuchttürme oder Bojen) sowie Kenntnisse in der Astronavigation. Dazu gehört, mit dem Sextanten die Position anhand von Himmelskörpern zu bestimmen. Es wurden fleißig Sonne, Mond und Sterne beobachtet und vermessen, dann gerechnet und alles sorgfältig aufgeschrieben. Denny und ich durften auf unser Navigationsgerät schauen, den beiden anderen nicht – zumindest nicht, um ihre Ergebnisse damit zu ermitteln. Ein Blick zur Kontrolle, ob sie die endlosen Zahlenkolonnen richtig in ihre Tabellen eingetragen hatten, war natürlich erlaubt.


Eigentlich dachte ich, dass ich das auch irgendwann einmal lernen möchte, aber diese Rechnerei schreckt mich am Ende doch ganz schön ab. Und dennoch hat es etwas Besonderes, mitten auf dem Atlantik zu stehen und sich mit Himmelskörpern zu beschäftigen, die schon Generationen von Seeleuten bei der Navigation geholfen haben. Während moderne Technik uns heute vieles erleichtert, funktioniert die Navigation mit dem Sextanten nach wie vor nach denselben grundlegenden Prinzipien.

 

Madeira in Sicht

Und dann war es endlich so weit: Land in Sicht. Zunächst war es Porto Santo, bevor wir uns unserem Ziel, Madeira weiter näherten.

Nach 108 Stunden auf See nähern wir uns unserem Ziel. Nach mehreren Tagen, in denen der Horizont nur aus Wasser bestand, war es ein besonderer Moment, wieder Land vor sich zu sehen. Und als wäre die Vorfreude auf Land noch nicht genug, hatte Denny kurz vor unserer

Ankunft im Madeira-Archipel noch ein ganz besonderes Erfolgserlebnis: Er hat einen großen Thunfisch geangelt! Der erste seit Monaten. Entsprechend groß war natürlich seine Freude. Und die kann sich sehen lassen: Stolze 4,2 kg Thunfischfilet liegen jetzt wieder in unserem Tiefkühler.

Zum Sonnenuntergang lassen wir den Anker in einer Bucht von Madeira fallen. Die latente Müdigkeit der vergangenen Tage war plötzlich nicht mehr ganz so wichtig. Wir haben es geschafft. Unsere erste Atlantikpassage lag hinter uns, und wir waren auf Madeira angekommen. Das musste natürlich gefeiert werden! Die von Jan und Robin mitgebrachte Flasche Sekt wurde geöffnet und es gab selbstgemachte Burger. Diesmal ohne großes Geschaukel.

 

Was von der Passage bleibt

Wenn ich auf unsere erste Atlantikpassage zurückblicke, dann war sie weniger spektakulär, als ich sie mir vorgestellt hatte. Es gab den Zwischenfall mit dem Geisternetz, viele Stunden im immer gleichen Wachrhythmus, die Beschäftigung mit der Navigation und natürlich meine Sorge vor den Orcas.

Aber es gab auch das gute Gefühl, eine solche Strecke geschafft zu haben. Zu erleben, wie der Alltag auf einer längeren Passage funktioniert, und zu merken, dass man sich an den Rhythmus anpasst. Und schließlich diesen Moment, in dem Madeira vor uns lag.

108 Stunden sind eine lange Zeit, wenn man auf das Ankommen wartet. Und vielleicht muss auch nicht jede Passage voller großer Abenteuer sein. Mir reicht es, sicher anzukommen, etwas gelernt zu haben und am Ende zufrieden mit dem Erreichten zu sein. 


Für uns beginnt jetzt ein neues Kapitel auf Madeira. Wir freuen uns darauf, die Insel kennenzulernen, neue Orte zu entdecken und herauszufinden, was die nächsten Monate für uns bereithalten. Schön, dass ihr uns auf unserer Reise begleitet. Wir freuen uns, wenn ihr auch beim nächsten Abenteuer wieder mit an Bord seid!


Fair winds und Ahoi

Anja & Denny

 

 
 
 

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